Montag, den 21. März 2011
Mahnwache
Meine Damen und Herren,
wir haben uns hier zu einer Mahnwache zusammen gefunden.
Wir wollen der Menschen in Japan gedenken, denen so viel unbeschreiblich Schlimmes passiert ist. Die Bilder der Riesenwelle verfolgen uns wohl alle.
Wir sehen die Menschen in den Notunterkünften, wir hören, dass sie keinen Strom, keine Heizung und kein Wasser, keine Nahrungsmittel haben. Wir ahnen ihren Schmerz um vermisste oder tote Freunde und Verwandte. Und was können wir tun? Eigentlich nichts. Geld spenden, natürlich, in der Hoffnung, dass es die Menschen erreicht. Und sonst – beten, mitfühlen, traurig sein.
Aber Hunger, Durst, Kälte, Trauer – das ist leider nicht alles, was die Menschen erleiden. Über ihnen schwebt die Gefahr der Verstrahlung, ein Atomkraftwerk, das außer Kontrolle geraten ist. Hoffen wir alle, dass das Schlimmste gerade noch abgewendet wurde. Aber schlimm genug ist es auch ohne weitere Katastrophen. Tagelang wurde radioaktiver Dampf in die Umgebung abgelassen, um eine Explosion zu verhindern. Nahrungsmittel, Wasser – alles ist verstrahlt. Und wir alle wissen – damit ist es nicht in ein paar Tagen vorbei, das dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis man wieder Früchte ernten, das Wasser, die Milch unbedenklich trinken kann. Das alles ist einfach nur schrecklich, so schrecklich, dass wir das oft gar nicht wahrhaben wollen.
Und es ist so schrecklich, dass uns der Atem stockt, dass wir fast nicht wagen, politische Fragen zu stellen.
Aber es hilft nichts. Wir sind es den Opfern schuldig, dass wir nicht nur trauern. Nicht nur mitfühlen. Nicht nur beten.
Wir müssen Konsequenzen aus dieser Katastrophe ziehen. Wir müssen erkennen, dass der Kampf gegen die Atomkraft mit aller Konsequenz weiter geführt werden muss. Hier. Hier, wo die Atomkraftwerke noch viel dichter an die Großstädte gebaut wurden als anderswo. Hier, wo wir wissen, dass wir die Menschen nicht retten können, wenn Brunsbüttel, Brokdorf, Krümmel außer Kontrolle geraten. Hier, wo wir uns nicht abspeisen lassen dürfen mit dem Hinweis, ein Tsunami sei hier nicht denkbar. Nein, ein Tsunami nicht. Aber Sturm, Orkan, Stromausfall und verheerende Sturmfluten, das ist auch hier nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich. Das ist schon passiert und wir wissen, dass mit dem Klimawandel noch viel mehr passieren wird. Deshalb stehen wir auch hier. Um zu zeigen, dass wir in Sorge sind. Um dafür zu sorgen, dass es hier nicht passiert.
Denn so etwas Schreckliches wird nur dann hier nicht passieren, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden und nie wieder ans Netz gehen. So schnell wie möglich. So schnell es nur irgendwie geht.
Wenn wir beides verknüpfen – die Trauer, das Mitgefühl, die Hilfe und das Handeln hier vor Ort – dann tun wir das, was die Opfer in Japan auch tun würden, wenn die Katastrophe hier und nicht dort passiert wäre.
Es macht mich wütend, wenn die, die uns die Kernkraft als sichere „Brückentechnologie“ verkaufen wollten, jetzt davon reden, dass wir das Leid der Menschen in Japan für unsere politischen Ziele missbrauchen. Es wäre klüger, wenn diese Politiker nicht Scheinvorwürfe erheben sondern ihre Fehler als solche einsehen und bekennen würden. Nicht wir missbrauchen das Leid der Unglücklichen sondern die, die daraus nun auch noch politisches Kapital schlagen wollen, indem sie diejenigen verunglimpfen, die seit Jahren vor dieser unbeherrschbaren Technologie warnen!
Wir sind den Opfern schuldig, solche Spielchen zu unterlassen. Wir sind ihnen Hilfe schuldig. Und wir sind ihnen schuldig, dass weitere Katastrophen verhindert werden!
Vielen Dank.
